Zum Tod von Dr. Alexander Schwab

Zwischen Schnee und Glatteis erreichte die Redaktion die traurige Nachricht, dass am 11. Januar 2013 in Köln mit Dr. Alexander Schwab einer der bedeutendsten Musikforscher unserer Volkgruppe nach längerem schweren Leiden verstorben ist.

Dr. Schwab wird in seinem Fach in einem Atemzug mit bekannten Experten wie Peter Weinand, Georg Schünemann, Viktor Shirmundski oder Elinor Johannson genannt und wurde den Lesern von “Volk auf dem Weg” bald nach seiner Umsiedlung aus Kasachstan nach Deutschland zu einem festen Begriff. Das war im Dezember 1977 auf dem Höhepunkt der ersten größeren Aussiedlerwelle aus der Ex-Sowjetunion.

1974 hatte Dr. Alexander Schwab, der am 6. April 1945 in Temirtau, Kasachstan, geboren wurde, sein Studium der Musikwissenschaft am Staatlichen Institut der Künste in Frunse (heute Bischkek), Kirgisien, mit dem Staatsexamen abgeschlossen. Nach der Aussiedlung studierte und promovierte er am Musikwissenschaftlichen Institut der Kölner Universität und schuf sich eine berufliche Grundlage auf seinem Fachgebiet, der Musik.

Gleichzeitig stellte sich Dr. Schwab uneigennützig seiner Landsmannschaft der Deutschen aus Russland zur Verfügung. Er wurde vor allem in den Jahren ab 1990 zu einem beispielhaften Mitstreiter für die Sache seiner Landsleute, die wie er die Jahre der Verbannung in der Sowjetunion überstanden und mehrere Neuanfänge zwischen Sibirien und Rhein gemeistert hatten. Über mehrere Jahre leitete er die Ortsgruppe Köln und wurde seine Verdienste mit der goldenen Ehrennadel des Vereins ausgezeichnet.

Als günstigstes Aufgabengebiet bot sich für ihn zunächst der Arbeitskreis der Wolgadeutschen an, zu dessen Vorsitzendem als Nachfolger von Dr. Matthias Hagin (1916-1990) er im Dezember 1990 gewählt wurde. In dieser Position gestaltete er vor allem die jährlichen Treffen der Wolgadeutschen in Büdingen, dem Städtchen in Hessen also, aus dem 1764 viele Deutsche an die Wolga aufbrachen, um dort eine neue Zukunft zu finden.

Ein zweites ehrenamtliches Betätigungsfeld fand Dr. Schwab im Russlanddeutsche Arbeitskreis für Musik, in dem er zusammen mit den hauptamtlichen Referenten der Landsmannschaft Kristina Teppert, Ute Richter-Eberl und Ernst Strohmeier viel zur Verbreitung russlanddeutscher Musik in der breiten Öffentlichkeit hierzulande beitragen konnte.

Hinzu kam seine ehrenamtliche Tätigkeit im Vorstand des Kulturrates der Deutschen aus Russland, den er schließlich von 2002 bis 2011 leitete. In dieser Zeit konnte er nicht zuletzt dem Gründer des Orchesters der Russlanddeutschen und des Orchesters der Deutschen Jugend aus Russland, Albert Polle, mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Unvergänglich sind seine Verdienste um die Erforschung der russlanddeutschen Musikkultur. Er legte großen Wert darauf, dass die Musik und das Liedgut der Deutschen aus Russland weiter erhalten blieben, und gehörte somit zu den wahren Hütern und Pflegern der Heimatkultur. 2004 schrieb er in seiner Broschüre „Das Liedgut der Russlanddeutschen”:

„Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Massenübersiedlung von Russlanddeutschen nach Deutschland präsentiert sich das Musikleben als sehr heterogen: Neben in Deutschland längst vergessenen, bei den Russlanddeutschen ‘konservierten’ alten Volksweisen werden deutsche Lieder mit russischen Texten, aber häufiger russische Lieder mit deutschen und russischen Texten gesungen, wobei es auch eine Rolle spielt, aus welcher Gegend die Spätaussiedler kommen.”

Dr. Schwab widersprach den Forschern, die die Existenz eines eigenen russlanddeutschen Liedgutes verneinten. So ist in der “Kulturpolitische Korrespondenz” vom 25. Juni 1995 zu lesen, sein „Russlanddeutsches Liederbuch” sei ein Beweis dafür, dass das russlanddeutsche Volkslied trotz des Leidenswegs der deutschen Kolonisten in Russland nicht verklungen ist, sondern in konservierter Weise Musikliebhabern und Musikinteressierten als Teil gesamtdeutscher Musiktradition zugänglich gemacht wurde.

Gleiches hat auch für „Das geistliche Lied der Deutschen in Russland”, „Das russlanddeutsche Lied nach 1945″, „Das Lied der Russlanddeutschen heute” und zahlreiche weitere Publikationen von Dr. Schwab Gültigkeit.

Seine Sammlungen, Veröffentlichungen und Forschungen sind von besonderer Bedeutung für den Erhalt der deutschen Sprache in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Es gehört zur guten Tradition der dortigen Völker, dass sie Volkslieder mehr als die meisten Menschen im Westen lieben und pflegen. Auch in diesem Sinne hat sich Dr. Alexander Schwab einen bleibenden Namen erworben. Die große Schar seiner Musikfreunde macht es zutiefst traurig, dass er viel zu früh von uns gegangen ist.

Irma Meder, die als Nachfolgerin von Dr. Alexander Schwab den Vorsitz der Ortsgruppe Köln übernahm, würdigte in ihrer Trauerrede bei der Beerdigung am 21. Januar auf dem Mülheimer Friedhof in Köln auch die menschliche Größe des Verstorbenen:

“Mir fehlen die Worte, um unsere Trauer zum Ausdruck zu bringen und das Gefühl des Verlustes auszusprechen. Alexander Schwab war unter seinen Landsleuten in Deutschland nicht nur als Musikwissenschaftler bekannt, sondern auch als ein Mann, der ein großes  soziales Herz hatte und sich auch stark ehrenamtlich engagierte.”

Im Namen seiner vielen Freunde in der Landsmannschaft und im Kulturrat drücken wir seinen Angehörigen unser tief empfundenes Beileid aus.

Hans Kampen / VadW

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