Auswanderung

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Herkunftsgebiete:
Aus Hessen erfolgte die Hauptauswanderung (1763 -1767) ins Wolgagebiet und später, Anfang des 19. Jahrhunderts, auch in die Schwarzmeerregion. Aus Danzigwestpreußen kamen die Mennoniten (1789-1804), aber auch Katholiken und Evangelische. Aus Polen zogen 1814/42 die früher aus Preußen und Württemberg eingewanderten Deutschen nach Bessarabien. Die meisten Auswanderer stammten aber aus Südwest- und Süddeutschland: Württemberg, Baden, Pfalz, Elsass, Rheinhessen und das an Württemberg anschließende bayrische Schwaben. Nach Wolhynien wanderten in drei Schüben (1812/31/61) Deutsche aus verschiedenen Gegenden Deutschlands und Polens ein. Die letzten Mutterkolonien wurden 1854/59 durch die Mennoniten an der Samara/Wolga gegründet.

Auswanderungsgründe:
Die von den Zaren versprochenen Privilegien erschienen besonders verlockend angesichts der Not und der Missstände, vor allem in Hessen und Südwestdeutschland:

- politische Unterdrückung durch die eigenen Fürsten und durchfremde Mächte,
- Heeres- und Frontdienste für die eigenen Fürsten und für fremdeMächte (z.B. Verkauf von Soldaten nach Amerika),
- wirtschaftliche Not, Missernten, Hungerjahre (z.B. Württemberg1816),
- strenge, oft ungerechte Verwaltung,
- Beeinträchtigung der Glaubensfreiheit,
- Siebenjähriger Krieg,
- Napoleonische Kriege,
- fremde Besatzung.

Planmäßige Ansiedlung von Deutschen unter Katharina II. (1762-1796), Paul I. (1796-1801) und Alexander I. (1801 -1825):
In weiten Teilen Russlands gab es große zusammenhängende Landstriche fruchtbaren, unbewohnten und ungenutzten Bodens. Die Ende des 18. Jahrhunderts geführten Kriege mit der Türkei brachten zudem eine gewaltige Ausdehnung des Territoriums in der Südukraine, das ebenfalls kaum besiedelt war. Um dem Land neue Einnahmen zu verschaffen, erließ Katharina II. am 22. Juli 1763 ein Manifest, in dem Ausländer aufgefordert wurden, sich in Russland niederzulassen. Die wichtigsten Bestimmungen dieses Manifestes lauteten:
“Verstauen Wir allen Ausländern in Unser Reich zu kommen, um sich in allen Gouvernements, wo es einem jeden gefällig, häuslich niederzulassen.”
“Gestatten Wir allen in Unser Reich ankommenden Ausländern unverhindert die freye Religions-Uebung nach ihren kirchlichen Satzungen und Gebräuchen.”
“Soll keiner unter solchen zur häuslichen Niederlassung nach Russland gekommenen Ausländer an Unsere Cassa die geringsten Abgaben entrichten und weder gewöhnliche oder außerordentliche Dienste zu leisten gezwungen seyn” (Wer sich in unbebauter Gegend niederließ, genoss 30 Freijahre, sonst 5-10 Jahre).
“Solche in Russland sich niedergelassene Ausländer sollen während der ganzen Zeit ihres Hierseyns wider Willen weder in Militär- noch in Civildienst genommen werden.”
In Bezug auf den Landbesitz und die Landordnung waren für die spätere Entwicklung der Kolonisten (so hießen die Siedler) folgende Ergänzungsbestimmungen von entscheidender Bedeutung:
Alle zur Ansiedlung den Kolonisten angewiesenen Ländereien wurden ihnen zum unantastbaren und erblichen Besitz auf ewige Zeiten überlassen, jedoch nicht als persönliches Eigentum, sondern als Gemeingut einer jeden Kolonie (Gemeinde).
Diese Ländereien durften ohne Wissen und Willen der über sie gesetzten Obrigkeit (Gemeindeverwaltung) von den Kolonisten weder verkauft noch abgetreten werden.
Den Kolonisten war es gestattet, zur Ausbreitung und Verbesserung ihrer Wirtschaften, Grundstücke von Privatpersonen zu kaufen und überhaupt als Eigentum zu erwerben.
Die von der Krone angewiesenen Landanteile erbte im allgemeinen der jüngste Sohn (Minorat). Ferner wurde den Kolonisten das Recht auf gemeindliche Selbstverwaltung gewährt; sie unterstanden direkt der Krone und nicht der inneren Verwaltung des Zarenreichs. Erwähnenswert ist auch die Zusicherung, das Zarenreich jederzeit ungehindert verlassen zu dürfen. Die Kolonisten waren im Unterschied zu den Bauern in Deutschland und zu russischen Bauern keine Leibeigenen, sondern Freie. Das Manifest Alexanders I. vom 20. Februar 1804 legte besonderen Wert auf “Einwanderer, welche in ländlichen Beschäftigungen und Handwerken als Beispiel dienen können … gute Landwirte, Leute, die im Weinbau, in der Anpflanzung von Maulbeerbäumen und anderen nützlichen Gewächsen hinreichend geübt oder die in der Viehzucht, besonders aber in der Behandlung und Zucht der besten Schafrassen erfahren sind, die überhaupt alle nötigen Kenntnisse zu einer rationellen Landwirtschaft haben …” Im sogenannten Gnadenprivileg Pauls I. vom 6. September 1800 wurden den Mennoniten noch zusätzliche Vorrechte eingeräumt (Befreiung vom Kriegs- und Zivildienst für alle Zeiten, keine Eidesleistung vor Gericht, Gewerbefreiheit u.a.m.)

Wanderwege:

Auswanderung von Deutschen nach Russland im 18. und 19. Jahrhundert

Die große planmäßige Ansiedlung deutscher Bauern in Russland begann 1763 und dauerte bis 1842. Einzelne Kolonien wurden noch bis 1862 angelegt. Auf Grund des Manifestes der Zarin Katharina II. begann nach dem Siebenjährigen Krieg eine Massenauswanderung nach Russland, vor allem aus Hessen, aber auch aus den Rheinlanden und Württemberg. Der beschwerliche Weg – damals gab es noch keine Eisenbahnen und Dampfschiffe – führte zu Lande bis Lübeck und von hier auf dem Wasser nach Petersburg. Von dort verlief die Weiterreise auf dem Landweg über Moskau oder auf dem Wasserwege auf der Wolga bis Saratow, wo auf einer geschlossenen Landfläche 104 deutsche Siedlungen angelegt wurden.
Die zweite größere Auswanderung war die der Mennoniten aus Danzig-Westpreußen in den Jahren 1789 und dann nochmals ab 1803. Der Weg ging diesmal über Riga ins Schwarzmeergebiet nach Chortitza und an die Molotschna. In den Jahren 1804 und 1816/17 bis 1842 fand die stärkste Auswanderung aus Württemberg statt. Der Weg führte von Ulm donauabwärts oder zu Land über Podolien in die Gegend bei Odessa, nach Bessarabien, auf die Krim und in den Südkaukasus.
Die Siedler aus der Pfalz, dem Elsass und Nordbaden kamen in den Jahren 1809/10. Der Reiseweg ging meist über Polen und Podolien vorwiegend in das Gebiet Odessa, wo viele große katholische Dörfer entstanden. Die Siedler gaben ihren Kolonien oft die Namen ihrer in der alten Heimat zurückgelassenen Dörfer und Städte (z.B. Basel, Darmstadt, Mariental, Rosenberg, Rheinhardt; Stuttgart, Karlsruhe, Mannheim, Selz, Straßburg; Tiege, Tiegenhagen, Altonau, Lichtenau, Orloff,). Insgesamt wurden im Schwarzmeergebiet, in Bessarabien und im Südkaukasus 181 Mutterkolonien gegründet.